Folgende Geschichten sind hier eingestellt:

1. Patenweinwoche

2. Verdienstvolle Männer der Landwirtschaft

3. Spitznamen

4. Brauchtum

5. Bernhard Kimmel der "Al Capone aus der Pfalz" 


Patenweinwoche

Aus dem Buch "Chronik der Stadt Viernheim"

Patenweinwoche
vom 19. bis 27. September 1936

Motto:
Man kann, wenn wir`s überlegen,
Wein trinken fünf Ursachen wegen:
Einmal um eines Festes wegen,
sodann vorhandenen Durst stillen,
desgleichen künftigen abzuwenden,
ferner dem guten Wein zu Ehren,
und endlich um jeglicher Ursach wegen.

Friedr. Rückert

Mann kann auch Wein trinken, um die überfüllten Winzerkeller leeren zu helfen und der Notlage der Winzer zu steuern, und das war die Ursache, warum Viernheim zu einer Patenweinwoche kam. es erging nämlich vom Berliner Wirtschaftsrat aus dem Jahre 1936 die Parole, Ortschaften mit über 10 000 Einwohnern sollten von einem zu wählenden Weinorte die Patenschaft übernehmen und unter der Devise "Fest der deutschen Traube" eine Woche lang lediglich diesen Wein ausschenken lasse.. Der Wein sollte dadurch mehr zum Voklsgetränk gemacht werden. Grund zu diesem Anlass war die jahrelange Notlage der Winzer, die ihre reichlichen Ernten der Jahre 1934 und 1935 nur schwer an den Mann bringen konnten.

In der Sitzung vom 18.7.1936 erhob der Gemeinderat zum Beschluß, eine Wein-Werbewoche durchzuführen. Zu diesem Zwecke wurde eine Kommission gebildet. Es sollte ein Qualitätswein zu einem möglichst niedrigen Preise zum Ausschank kommen. Man einigte sich auf den "Hohensülzer". Dort lagerten über 200 000 Liter.

Wochenlang dauerten die Vorbereitungen. Fast in jeder Nummer unseres Lokalblattes wurde in ernster und heiterer Weise Stimmung für die kommenden Weinfestlichkeiten gemacht. An die Viernheimer Dichterlinge erging eine Aufforderung, ein zugkräftiges Stimmungslied für die Patenwoche zu schaffen. Schon auf den ersten Anhieb liefen zehn Gedichte ein. Den wohlverdienten Siegerpreis erhielt das Patenweinlied des Sparkassenvorstehers Anton August Müller. Es verdient, hier wiedergegeben zu werde.:

In der Sitzung vom 18.7.1936 erhob der Gemeinderat zum Beschluß, eine Wein-Werbewoche durchzuführen. Zu diesem Zwecke wurde eine Kommission gebildet. Es sollte ein Qualitätswein zu einem möglichst niedrigen Preise zum Ausschank kommen. Man einigte sich auf den "Hohensülzer". Dort lagerten über 200 000 Liter.

Wochenlang dauerten die Vorbereitungen. Fast in jeder Nummer unseres Lokalblattes wurde in ernster und heiterer Weise Stimmung für die kommenden Weinfestlichkeiten gemacht. An die Viernheimer Dichterlinge erging eine Aufforderung, ein zugkräftiges Stimmungslied für die Patenwoche zu schaffen. Schon auf den ersten Anhieb liefen zehn Gedichte ein. Den wohlverdienten Siegerpreis erhielt das Patenweinlied des Sparkassenvorstehers Anton August Müller. Es verdient, hier wiedergegeben zu werden.:

Patenweinlied 1936

dem Hohen-Sülzer gewidmet

Melodie: "Zu Rüdesheim in der Drosselgaß"

I.

Durch Viernheim ging die frohe Kund`,
aus Sülzen kommt der Wein,
der uns, dem Bachus sei`s gedankt,
geschenkt als Patenwein.
Froh wird der Sinn, das Auge hell,
ein fröhlich Fest wird sein,
denn Rebensaft und Sonnenschein,
will Menschenherz erfreun!

Refrain: Hohen-Sülzer Wein,
Blondes Mägdelein,
her das Glas , `nen Schoppen schnell,
wir trinken aus, es wird bald hell.
Hohen-Sülzer Wein
herrlich wächst im Sonnenschein,
küß`, mein Mädel, und schenke ein
den köstlichen Patenwein!

II.
Vergessen ist des Tages Müh`,
hell tönt der Gläser Klang,
ein enges Band uns all umschlingt
in Freud` und Rundgesang,
wie schmeckt uns doch der gold`ne Wein,
die Patenschaft soll leben!
Nur Hohen-Sülzer soll es sein,
schenk` ein, schenk` ein, schenk` ein.

R e f r a i n: Hohen-Sülzer Wein.........

III.
Mein Heimatland wie bist Du reich,
wenn sich Dein Volk versteht,
verbunden und voll Herrlichkeit,
der ebe Fest begeht!
Wenn Brüder links und rechts vom Rhein
in Treu zusammensteh`n,
die Patenschaft am deutschen Wein
soll niemals untergeh`n!

R e f r a i n : Hohen-Sülzer Wein........

Ein Festprogramm wurde aufgestellt, das den gespanntesten Erwartungen gerecht wurde und getreulich zur Durchführung kam. Schon der Auftakt zum Weinfeste, ein solenner Fackelzug sämtlicher Vereine, war vielversprechend. Er endigte vor der Goetheschule, wo ein schmuckes, rebenumkränztes Winzerhaus erstanden war und wo der Bürgermeister mit einer kernigen Ansprache die feuchtfröhliche Woche eröffnete. Der Weingott "Bacchus" konnte zufrieden sein, wie gründlich und nachhaltig ihm gehuldigt wurde.

Zu einem schönen Akt gestaltete sich anderntags der Empfang der Hohensülzer Abordnung. In mehreren Autos un zwei mit Trauben- und Rebengewinden zierenden Lastwagen, auf denen ein großes Weinfaß und Bütten voll auserlesener Trauben standen, fuhr man, freudigst begrüßt, am Reichsbahnhof an.
Der Bürgermeister entbot den Gästen einen herzlichen Willkommensgrüß, pries die Güte des erprobten Patenweins, und dann ging`s unter den Klängen der Feuerwehrkapelle zur Goetheschule. Dort überreichte eine schmucke Winzerin dem Ortsoberhaut in einem silbernen Pokal den Ehrentrunk.

Als dann die Nationalhymne verklungen war, kredenzten die strahlenden Winzermädels das edle Erzeugniß ihrer rheinischen Heimat nach allen Seiten hin. Und alle tranken kostenlos mit hochbefriedigten Mienen die feurigen Lebenstropfen.

Am Nachmittag fand der Werbeumzug der Hohensülzener Abordung unter den Klängen eine Musikkapelle statt. Überall erweckten die Wagen mit den lachenden Winzerinnen Freude und Begeisterung. Viele eroberten nochmals einen anfeuernden Trunk, und unsere Kinder ergötzten sich an den süßen Trauben, die ihnen zugeworfen wurden.

In den Gaststätten aber setzte der Hochbetrieb ein, wie es nur zur Kerwezeit üblich ist. Man verschrieb sich ganz dem köstliche Naß, zumal das Viertel nur 20 Reichspfennige kostete, und die allermeisten fanden erst lange nach Mitternacht den Weg zu den heimatlichen Gefilden.

Der Hochbetrieb des Hohen-Sülzener Rebensaftes hielt volle acht Tage an. Vereine und Gesellschaften hielten in ausgelassenen fröhlicher Weinstimmung ihre "Rheinischen Abende" und gar mancher wurde für eine Woche zum Weintrinker, der sich seither nur an seinen "Stein" gehalten. Freilich unterschätzten gar viele die Kraft des Weines und brachten ihren Ehehälften gar zweifelhafte Geschenke mit nach Hause.Das führte dazu, daß sich viele Weiblein und Mägdelein als Beschützer der Zecherberufen fühlten, selbst die feuchtfröhlichen Weinstätten aufzusuchen und sich an dem edlen Saft gütlich zu tun. Wenn der alte Studentenspruch " Wer niemals eine Rausch gehabt, das ist kein braver Mann" auf Wahrheit beruht, dann hatte Viernheim noch niemals so viel brave Männer wie in der Woche vom 19. bis 27. September 1936. Ebenso dürfte feststehen, daß St. Ulrich, der Patron der Magenüberfüllten, noch niemals so oft um Hilfe angerufen wurde als in der fraglichen Zeit.

Das gab manchem Spießer und kritisch Veranlagten Veranlassung, die Nase zu rümpfen un den Stab über das ganze Weinfest zu brechen. Die Weinfröhlichen aber störten sich nicht daran. Sie sagten sich: "Die Freude war unser, und der Wein in seinem goldenen Schein ließ einmal eine ganze Woche lang die Sorgen vergessen." Und was sagt der Chronist dazu? Der ist selber ein Freund eines guten Tropfens und glaubt an die Wahrheit des Spruches, der im Deidesheimer Winzerhaus in großen Lettern zu lesen ist, und der da heißt: "Was ist ein Wein? Eingefangner Sonnenschein, und der soll schädlich sein?" Drum: Wenn auch bei unserem Patentweinfest die Wogen feuchtfröhlicher Stimmung manchmal zu hoch gingen und überschäumten, wenn auch einzelne Auswüchse nicht zu billigen waren: Bei einem Bacchusfest mit rheinischem Leben drückt jeder einsichtsvolle Kritiker ein Auge zu. Der Chronist drückt zwei zu. Die Hauptsache war halt doch, daß der Zweck voll und ganz erreicht wurde und daß es in den übervollen Kellern der Hohensülzener Weinbauern wieder Platz für die neue Lese gab. Verkonsumierte doch Viernheim allein 1936 und 1937 in jeder Patenweinwoche rund 25 000 Liter Wein, eine unübertroffene Rekordleistung.

Und zum Schluss noch eine Anekdote, welche die Lokalpresse brachte und die den Patenweinhomor kennzeichnet: In der Patenweinwoche streikte einmal von morgens 3 Uhr ab unsere Kirchenuhr. Ein Witzbold machte sich das zu eigen und beehrte unseren alten Glöckner Valentin, der einen guten Tropfen auch zu schätzen wußte, auf einem Kärtchen mit folgendem poetischen Erguß: " Und wenn im Dorf die Uhr nicht geht, und wenn der Zeiger stille steht, wer trägt allein die Schuld so klein? Das ist gewiss der Patenwein". Interessant wäre zu wissen, ob der feinhörige Horcher das Schlagen der Uhr im Bett oder beim Patenwein vermißte.



Verdienstvolle Männer der Landwirtschaft

Nur zur Anmerkung....ich schreibe es genauso ab wie es im Buch steht.ich finde es ist schon interessant wie damals die "Rechtschreibung" war.....

Gutsbesitzer Peter Ehatt 1829 zu Seligenstadt geboren, wurde er nach dem allzufrühen Tode seiner Mutter Marg. geb. Hauptmann als fünfjähriger Junge gleichzeitig mit seinem Bruder Jakob von seinem Onkel, dem Gutsbesitzer Peter Minnig zu Viernheim, an Kindesstatt angenommen. Peter, ein geweckter Junge, hatte schon frühzeitig großes Interesse an der Landwirtschaft und führte schon mit 16 Jahren seinem Onkel die landwirtschaftliche Buchführung. Bald fühlte er, daß gar manches in dessen Betrieb nicht rationell genug war und Besserung bedurfte. Mit 25 Jahren besuchte er in Bonn die Poppeldorf`sche landwirtschaftliches Akademie und war dann einige Jahre Inspektor auf dem Baron Witzleben`schen Gut in Schlesien. Zurückgekehrt in den Betrieb seines Onkel`s verheiratete er sich mit der Tochter des damaligen Arztes Dr. Kinscherf, der auf dem Anwesen Nr. 40 in der Rathausstraße (Haus Dr. Kienle) nebenbei Landwirtschaft betrieb.

Im Jahre 1878 übernahm er das schwer verschuldete Gut seines Onkels. Da ihm seine Frau ein stattliches Vermögen mit in die Ehe brachte, kam er über die Klippen hinweg.
Durch seine treffliche theoretische wie praktische Vorbildung besaß er das nötige Rüstzeug zu einem tüchtigen, vorbildlichen Landwirt, und so schuf er denn einen fortschrittlichen Musterbetrieb, in dem mit vielen alten Zöpfen gebrochen wurde.Seine Mitbürger, bei denen er in größter Achtung stand, nahmen ihn gerne zum Vorbild und griffen seine Neuerungen auf. Er zählte zu den ersten Zuckerrüben- und Spargelpflanzern, besuchte gerne Ausstellungen und erzielte hohe und höchste Anerkennungen.
Ehatt war vielseitig interessiert und von starker Heimatliebe. Er war es, der die Viernheimer Ortssagen, die in der "Keller`schen Festschrift zur Einweihung der Apostelkiche" zum erstenmal erschienen, der Vergangenheit entrissen und in ein poetisches Gewand gekleidet hat. Er war auch ein großer Altertumsfreund, und sein Name steht in Verbindung mit vielen Grabungen und interessanten Funden. Er starb am 4.5.1896.

Sein Sohn Peter Ehatt
wurde am 15.7.1866 geboren. Er absolvierte das Gymnasium, besuchte die landwirtschaftliche Lehranstalt in Geisenheim und die Landschaftliche Akademie in Poppelsdorf. Nach dem Tode seines Vaters übernahm er die Leitung des väterlichen Gutes, folgte 1900 einem Rufe des preußischen Staates, kultivierte als Ökonomierat einen Teil der Eifel, wo er vier Domänen als Mustergüter einrichtete. 1907 wurde er Weinbaudirektor der staatlichen Dömänen Mosel und Saar mit dem Sitz in Trier, trat 1925 als Handelsökonomierat in den Ruhestand und starb 18.3.1940. Ehatt gehörte dem Vorstand der deutschen Landwirtschaftgesellschaft an.

Peter Minning (1799 - 1871)
Zu den einflußreichsten und vielgenanntesten Einwohnern Viernheims zählte im vorigen Jahrhundert unstreitbar der Gutsbesitzer Peter Minnig, dessen Familiengeschichte mit der Familie Ehatt eng verknüpft ist. Es hat zweifelsohne seine Berechtigung, wenn wir diesem im Volksmund weiterlebenden Mann ein Blatt widmen.
Minnig, geboren 1799, war ursprünglich Domänenpächter in Straßenheim. 1826 verheiratete er sich mit Sabrina Hauptmann, einer Tante des Gutsbesitzers Ehatt. Als vermögender Mann war er in der Lage , 1835 das Viernheimer Lehensgut Dreymüllen für 41000 Gulden zu erstehen, im Kaufakt "Treumüller`sches Lehensgut" genannt. Es war im Besitze der Frankfurter Freifrau Margarete von Cordier.
Dieses Gut mit 107 982 Klafter = 270 Morgen Feld, dem unser Heimatforscher Karl Müller in seiner Sippen- und Heimatgeschichte ein ganzes Kapitel gewidmet hat, stand auf dem Gelände unserer Apostelkirche. Minnig ließ die meisten Gebäude dieses uralten Hofes abbrechen. Nur eine Doppelscheuer und ein Keller standen noch kurz vor dem Bau der neuen Kirche.

1836 erbte Minnigs Frau den Nachlass der Witwe des 1833 verstorbenen Oberschultheißen Schorn, ein Hofgut mit 34 Grundstücken, gelegen an der Bürstädter Straße. An der Stelle der alten Gebäulichkeiten ließ Minnig ein stattliches Herrrschaftshaus errichten, Wohnsitz der Geschwister Ehatt.
Zu dem umfangreichen Minnig`schen Gute gehörte ein großes Stück Wald am Anfang des Lorscher Weges, links von der Straße. Das Minnig`sche Waldgut galt nach dem Gutachten von Forstautoritäten als das gepflegteste und urwüchsigste Waldstück Deutschlands.
Minnig war ein überaus angesehener Mann. Seine Mitbürger beriefen ihn frühzeitig in den Gemeinderat, machten ihn 1843 zum Beigeordneten und 1848 zum Bürgermeister. Auch in den Landtag wurde er gewählt
Um seine Landwirtschaft kümmerte er sich nicht allzuviel, überließ vielmehr den Betrieb seinen auserlesenen Dienstboten, die er fest im Zügel hatte. Minnig war ein ausgesprochener Herrenmensch und spielte sich auch als solcher auf. Leidenschaftlich liebte er die Jagd.
Politisch ein Förderer der zu seinerzeit einsetzenden freiheitlichen Bewegung, stand er mit hervorragenden Männern der Revolutionsjahres 1848 in Verbindung. So hatte er auch einmal den Besuch des berühmten Freiheitsmannes und Dichters der Deutschlandliedes, Hofmann von Fallersleben.

Joseph Roos (1829 - 1897)

"Knorren hat, was Eiche heißet,
doch die Knorren haßt man heute!
Fritz Treugold

Wer diesen geraden, stämmigen, urwüchsigen und intelligenten Bauern mit seinen derben Manieren gekannte hat, diesen zähen Vertreter landwirtschaftlicher Interessen, versteht, warum dieses Motto an der Spitze steht. Und wer ihn erst durch diese Zeilen kennen lernt, wird ihm nur dann gerecht, wenn ich verrate, daß er eine überaus harte Jugend hatte, und sehr früh einen erbitterten Lebenskampf führen mußte. Früh prägte sich in ihm ein unbeirrbarer Sinn für Recht und Gerechtigkeit, Offenheit und Sparsamkeit aus.
Sein Vater Philipp war um sein Häuschen am Mannheimer Weg gekommen. Die Sache war so: Der Vater hatte von einem reichen Ortsbauern, im Volksmund "Fax" genannt, ein Darlehen erstanden. Der Fax drängte auf Rückzahlung samt den aufgelaufenen Zinsen. Als der Schuldner nicht sofort zahlten konnte, brachte der Gläubiger dessen Anwesen an sich. Aber er hatte die Rechnung ohne den Sohn gemacht. Der nahm sich dessen an und setzte in einem Prozess durch, daß das Häuschen wieder an den Eigentümer zurückfiel. Von nun an war Joseph Roos scharf auf den Fax. Weil es letzterer beim Pflügen nicht allzu genau mit dem Gelände des Nachbarn nahm, verklagte ihn Roos zum zweiten mal und fand auch in diesem Prozeß sein Recht.

Als Roos starb hinterließ er jedem seiner 10 Kinder ein beträchtliches Vermögen, das durch den unermüdlichen Fleiß seiner ganzen Familie errungen worden war. Kein Wunder, daß ein Bauer, der um den sauren Schweiß der Berufsarbeit wußte, sparsam und einfach lebte. Er konnte sich nicht trenngen von seiner Schildkappe und trug sein dickes wollenes Halstuch, mit dem er ganz verwachsen war, bis in den Sommer hinein. Milchsuppe mit "Riwwel" als Morgenimbiss zog er dem Kaffee vor, und beim Hausputz hielt er die Seinen fleißig zum bestreuen der Stuben mit Silbersand an.. Das viele scheuern haßte er, weil es nach seiner Ansicht dem Boden schadete. Im Gemeinderat war er entschieden gegen das Verbot, die Kinder Barfuß in die Schule zu schicken. Man müßte am natürlichen festhalten, und "die das nicht wollen, mögen ihre Füße schwärzen".
Trotzdem kann man nicht sagen, er sei etwa auch in seiner Berufsarbeit stockkonservativ gewesen. Lange Zeit bevor ein anderer Bauer nur daran dachte, stand in seinem Hof die erste kleine Dreschmaschine. Als Junge hatte er die Schule in der Regel nur im Winter über besucht, denn während des Sommers wurde er für die Feldarbeit beansprucht. Trotzdem hatte er seinen Platz in der obersten Bank behauptet.

Seine Mitbürger wählten ihn, obwohl er durch seine sprichwörtliche, originelle Derbheit bekannt war, regelmäßig in den Gemeinderat. Man wählte in auch in den Schulvorstand und in den Aufsichtsrat des Kreditvereins. In seiner Behausung suchten viele Mitbürger Rat und Hilfe und fanden sie auch.. Als er einmal die Bürgsumme für einen zahlungsunfähig gewordenen Mitbürger nicht gleich aufbringen konnte, wurden ihm zwei Pferde gepfändet und am Gasthaus "Zur Rose" vom Wagen weg ausgespannt. Den Herrn Bürgermeistern war seine Person im Gemeinderat nicht immer angenehm, denn er machte viel Oppsition. Seine Gegnerische Anicht ließ er oft in Sonderprotokollen festlegen.
Als zum 50 jährigen Priesterjubiläum des Papstes Leo XIII. 100 Mark für einen Fackelzu und für Böllerschießen angefordert wurden, stimmte er dagegen. Er meinte: "Der Papst will bestimmt nicht haben, daß man seinetwegen das Geld verbrennt und verpulvert."
Er war dagegen, daß zum Bau des Rathauses Blendsteine verwendet würden, weil das nicht zum Ortsbild passen würde. Er plädierte vielmehr für dauerhafte Neckarsandsteine.

Wer sein damaliges Drängen auf Sparsamkeit heute übertrieben findet, muß bedenken, daß seine Heimatgemeinde manchmal in einer solchen Notlage steckte, daß sie gezungen war, Geld von privater Seite aufzunehmen. Daß Roos beflissen war, stets das Wohl seiner Mitbürger gegenüber jeglicher vermeintlicher Übervorteilung, nicht zuletzt von Seiten des Staates , zu schützen, läßt sich verstehen.
Schwer zu überzeugen war er von der Nützlichkeit des Bahnprojektes Mannheim – Viernheim – Weinheim. Die Felder würden zerstückelt, warnte er, und die Arbeitskräfte würden abwandern.
Hier wird der Schatten eines zeitgeschichtlichen Hintergrundes sichtbar: Die aufschließende Industrie im benachbarten Mannheim und die immer mehr zunehmende Verarmung des Viernheimer Bauerntums
Das Kreisamt stellte einmal in die Gemeinde das Ansinnen, ein Volksbad zu errichten, obwohl das Kreisstädtchen Heppenheim selbst noch keines besaß. Da richtete Roos an den Kreisrat die Bitte um den Plan des Heppenheimer Bades.
Hier taucht ein anderer Schatten aus dem Hintergrund auf: Die Rivalität des Kreistädtchens Heppenheim mit Viernheim, der größten Landgemeinde des Kreises. Die Kreisstadt die damals selbst noch in Armut steckte, hätte die Errichtung eines Viernheimer Bades gern als Versuchsobjekt gesehen.

Wie furchtlos und steifnackig Roos pedandischen Amtspersonen gegenüber war, zeigt nachstehender Vorfall:
Roos mußte eines Tages vor dem Amtsrichter Fischer in Lorsch als Schöffe erscheinen. Fischer ein Formenmensch, hielt auf Etikette und verlangte von den Schöffen, zu ihrer Amtshandlung im Gehrock zu erscheinen. Roos wußte davon, kümmerte sich aber nicht um diese Vorschrift, sondern erschien in seinem schlichten Bauernanzug. Vom Amtsrichter darob zur Rede gestellt, erwiderte der Angerempelte: "Herr Amtsrichter, zeigen Sie mir mal den Paragraph, wonach ich im Gehrock erscheinen muß!.

Oft blieb Roos mit seinen gegnerischen Ansichten im Recht, unter anderem auch, als in den 1890er Jahren ein Umbau der Wiesenbewässerung stattfand. Er hielt das Projekt für grundfalsch. "Das Wasser bringt ihr nicht zum aufwärtsfließen", dokumentierte er und legte seine eigenen Pläne vor, die aber keine Gnade fanden.Bürgermeister Pfützer erklärte, daß die technische Vorbildung der Herren vom Kulturamt und ihre Moral für eine anstandslose Ausführung bürgten. Als man sich später überzeugen mußte, daß die Ausführung des beschlossenen Projektes nicht klappte und eine verkehrte war, warf Roos dem Bürgermeister vor: "So, euer Geld habt ihr los, jetzt könnt ihr..."usw.

Er war auch dagegen, daß zum Bau der Goetheschule der Rezeßfond herhalten mußte. Das ginge, so wandte er ein, auf Kosten der Ortsbürger, deren Anforderungen an den Fonds von Jahr zu Jahr größer würden und denen man schlißlich nicht mehr im vollen Umfang gerecht werden könne. Roos war für eine sogenannte Schulhauskolonie auf Gemeindegelände in der Seegartenstraße. Die Schulhauskolonie war der Plan eines Architekten namens Bildstein. Der Gedanke, ein Schulhaus in lockeren Blocks mit dazwischen liegenden Grünflächen zu errichten, mutet uns heute geradezu modern an: Weg mit der Schulkaserne! Roos plädierte warm für diesen Plan und war nicht weniger verärgert, als er ins Wasser fiel.
In den siebziger Jahren war die Ablösung des Waldrezesses erfolgt, wonach von nun ab an Stelle von Bauholz für das Fachwerk eine entsprechende Bauvergütung trat.. Roos war damals daran, einen neuen Bauernhof zu errichten und hatte seine Ansprüche auf Bauholz rechtzeitig angemeldet, sollte aber mit einer Bauvergütung abgefertigt werden. Dagegen sträubte er sich und setzte durch, daß ihm als letzem Ortsbürger das vorschriftsmäßige Rezeß-Bauholz gestellt wurde. So entstand das letzte Viernheimer Fachwerkhaus Nr 40 an der Mannheimerstraße.

Fast möchte man annehmen, es sei ihm bei der damaligen Umwandlung der Bauholzzuteilung in eine Geldvergütung die Ahnung einer Erkenntnis gekommen, derer bitteres "Zuspät" wir heute Angesichts des Verlustes des Bau-Rezesses erkennen.
"Wer bei der Wahl zwischen Geld und Sachwert sich für das Geld entscheidet, handelt falsch", sagten die Alten.
So stand diese knorrige Bauerneiche an der heimatlichen Wende Viernheims: An der Entwicklung von der Bauerngemeinde zur Industriegemeinde, einer Entwicklung, der sich Roos seiner ganzen Natur entsprechend, entgegenstemmen, aber unterliegen mußte.
Darum hätte Roos auch nicht mehr hineingepaßt ins moderne 20. Jahrhundert. Er trat 3 Jahre vor Beginn desselben die Reise in die Ewigkeit an zu seinen Ahnen, die einst auf den Bergen des Taunus die Schafe gehütet hatten.



Spitznamen

Aus dem Buch von Hans Mayr, einem Kapitel über "Spitznamen".

Soll das Kapitel Volkskunde erschöpfend behandelt werden, dann dar der Chronist auch nicht zurückschrecken, auch dieses etwas heikle Thema zu streifen, da es einen kleinen Beitrag der Viernheimer Bevölkerung bildet. Es ist eine an und für sich recht harmlose Unsitte, seinen Mitmenschen Spitznamen beizulegen. Daß sie hier von altersher sonderlich stark ausgeprägt ist, erklärt sich wohl aus dem heiteren und vielfach neckischen Wesen, das ein großer Teil unserer Bevölkerung besitzt. Wie tief die Unsitte wurzelt, darüber nachstehende, sehr charakteristische Anekdote, die viel erzählt wird.
Kam eines Tages der Fuhrunternehmer Eisengrein von Käfertal hierher und erkundigte sich in der Mannheimerstraße nach einem Kleeheuverkäufer. Der Befragte: "Gehe Se nur in den Rosengarten zum Fässel, der hat vielleicht". Der Käfertaler folgte dem Rat und begrüßte den Rosengartenhotelier mit "Guten Tag, Herr Fässel!" Da kam er übel an. Der Unmut des so Betitelten legte sich erst wieder, als der Käfertaler sich geziemend rechtfertigte und um Entschuldigung bat.

Fässel schickte hierauf den Ahnungslosen zu seinem Nachbarn, gab aber nicht dessen richtigen Namen, sondern dessen Spitznamen an. "Guten Tag Herr Hämmel!" war sein Gruß. - - "Sie unverschämter Kerl, was fällt Ihnen denn ein? -- Ich heiße Soundso, und nicht Hämmel!" Wiederum mußte sich der Käfertaler rechtfertigen und entschuldigen, fand wieder Gnade und wurde von dem Betroffenen zum "Kohl`sche" geschickt, der habe bestimmt Kleeheu. Der Kohl`sche war nicht daheim, als der Irregeführte die Hofreite betrat. Eine Frau stand unter der Tür. "Bin ich hier recht beim Kohl`sche?" -- "Nein, Sie sind beim Jäger und nicht beim Kohl`sche, Sie ungezogener Mensch!" -- "Ja zum Treufel auch" , ließ sich der zum drittenmal Hereingefallene hören. "hat denn hier alles Spitznamen?"

Wie tief Spitznamen oft eingewurzelt sind, soll nachstehendes Selbsterlebnis des Chronisten illustrieren.
Ich wollte zu Chronikzwecken über unsere Karnevalsgesellschaft verschiedene Auskünfte haben und suchte das Vorstandsmitglied Adam Pfenning auf. Ein Freund von ihm beschrieb mir genau die Wohnung in der Karl-Marx-Straße. Als ich prüfend vor dem gekennzeichneten Hause stand, fragte ich zur Vorsorge einen vorübergehenden Karl-Marx-Sträßler. Sein Bescheid lautete: " In der Karl-Marx-Straße wohnt kein Adam Pfenning, darauf können sie sich verlassen." Ein Nachbar gab mir den gleichen Bescheid kopfschüttelnd ging ich in die Kreuzstraße, erkundigte mich bei Verwandten nach dessen Wohnung und erhielt die Versicherung, daß der gesuchte bestimmt in dem hohen Hause wohne, vor dem ich prüfend gestanden hätte. Ich ging zurück. Aus dem Hause kam gerade eine junge Frau. "Sagen Sie mal, Frauchen, in dem Haus soll ein Adam Pfenning wohnen, stimmt denn das?" "Freilich stimmt`s, ich bin ja seine Frau, wir wohnen im obersten Stock." Ich gab meiner lebhaften Verwunderung Ausdruck, daß sich die Karl-Marx-Sträßler so unkundig gezeigt hätten. Drauf meinte die Frau: "Hätten Sie nur nach dem "Fuchser" gefragt, das hätte Ihnen jedes Kind sagen können."

Ein überaus drastisches Beispiel, wie sich falsche Namen oft durch viel Generationen fortpflanzen und in der Einwohnerschaft auf`s tiefste wurzeln, ist folgendes:
Ich frug einmal den bekannten Sanitäter Adam Schmitt in der Goerthestraße , warum man ihn nur unter dem Namen "Meyers Adam" kenne. Darauf er: "Das geht auf meinen Urgroßvater zurück, der erstand im Walde nahe am Ort eine Köhlershütte, die nach ihrem Besitzer Meyerhütte genannt wurde. Daher heißen wir Urenkel heute noch die Meyers. Wie tief das steckt, mögen Sie aus folgendem Vorfall ersehen: Als ich zur Trauung auf dem Standesamt war und meinen wahren Namen Adam Schmitt unterschrieb, schrie meine Braut hell auf:"Ja was machst Du, Adam, Du heißt doch Meyer und nicht Schmitt". Ich verbürgen mich ehrenwörtlich für die Wahrheit dieses Vorgangs."

Ähnliche Sondernamen, die auf den Beruf der Ahnen zurückgehen, sind hier recht häufig und sind nicht als Spitznamen aufzufassen, z.B. Häfners, Seifensiedwers, Bäckerles, Sallers (Sattlers), Hoblers, die Amboße usw. Oder ist es nicht ganz harmlos, wenn man eine hiesige Sippe mit "Stallmeisters" bezeichnete, weil ein Ahne Stallmeister beim Großherzog in Darmstadt war?

Oft müssen sich Ehemänner gefallen lassen, daß ihr Name in der Öffentlichkeit ganz verschwindet und ihnen der Familienname der Frau anhaftet. So war für die Bevölkerung der 1909 verstorbene Lorenz Adler 2. nur der "Keil`s Lorenz".
Seine Ehefrau Barbara war nämlich eine geborene Keil und stammte aus dem "Keilshaus" in der Lorcherstraße Nr. 3, das schon der Großvater inne hatte. Ganz ähnlich liegt der Fall mit dem Hausnamen "Köhler`s", den eine Hofmann-Sippe mit sich führt. Die Bezeichnung geht auf seinen Großvater Nikolaus Hofmann zurück, der mit einer geborenen Köhler verheiratet war.
Ebenso harmlos sind Sondernamen, die andeuten, daß Voreltern von auswärts gezogen sind: Männemer von Mannheim, Berkemer von Birkenau, Seckemer von Seckenheim. Der ehemalige Pächter des Roßhofes bei Mergentheim und seine Nachkommen behielten den Hofnamen "Roßhöfer".

Ganz harmloser Natur sind auch die sogenannten Unterscheidungsnamen, z.B. Herschels Rot, Herschels Weiß, Ringhofe Rot, Ringhofe Weiß.
Kein Wunder wenn sich das Volk die Unterscheidung erleichtert und z. B. Unseren 1942 verstorbenen Mitbürger Joh. Mandel 19. nur den "Feierabendhans" nannte weil er Agent der Versicherungszeitschrift "Der Feierabend" war.. Die eigentlichen Spitznamen gehen in die Hunderte und sind oft sehr charaktistischer Natur. Es geht nicht an, sie alle aufmarschieren zu lassen, und wir sind überzeugt, daß sich Betroffene hierüber ebenso wenig kränken wie unser beliebter Komiker Jakob Müller, der dazu lacht, wenn ihn ein Wissender oder Unwissender mit "Herr Knauber" anredet.
Es seinen angeführt: Goldklumpen, Herzkönig, Schlummerer, Zylinderhut, Schlauleben, Wackelhans, Achelhans, Osterfranz, Kreisrat, Hinkelschmied, Bauwautz, Allesgenug, Fadnatz, Steckmichel, Regimentsniklos, General, Ogies, Atmosphäre, Bimmes, Jajoppel, Hochzichjakob, Diffedeschtel, Dampfnudelkasper, Sakrameadan, Dr. Wasser usw.,usw

Wie manchmal Spitznamen entstehen; darüber einige Beispiele: Der 1898 verstorbene Sattlermeister H. hatte aus erster Ehe ein Söhnchen, dem die Mutter in Aussicht, daß er alleiniger Erbe bleibe, den Kosenamen "mein liebes Goldklümpchen" gab, woraus der Volksmund "Goldklumpen" machte.

Der Mauer J.F. Bekam seinen originellen Namen "Herzkönig von seiner auffallenden Ähnlichkeit mit den Herzkönig des Kartenspiels.
Unser biederer Mitbürger H. Wurde zum "Sakramadan" , weil er seinem Unmut über mißliches Geschehen gern mit diesem Fluch Luft machte.
Der Dampfnudelkasper, gar ein schmächtiges Männchen, wurde nach dem kugeligen Umfang seiner Ehehälfte so genannt.
Dem N.W. Wurde die Bezeichnung "Allgäuer", weil er in einem Ringkampf den Ringkämpfer "Allgäuer" geworfen hat.

Gern erzählen unsere Alten von dem dicken Bäcker L., einem sehr beliebten und humorvollen Mann des vorigen Jahrhunderts, der es als seine Spezialität betrachtete, anderen charakteristische Namen beizulegen. Da er vom Dullhof bei Dittelsheim stammt, stempelten ihn seine Freunde zum "Dudelshöfer".

Weil der Jakob H. In der Schule die Aufgabe "Wieviel ist 3 und 3?" mit "Dei und dei ist det" löste, wurde er von seinen Mitschülern mit "Deideidet" gehänselt, woraus der Volksmund späterhin den Deidei machte.

Eine eigenartige Herkunft hat der Spitzname der "Fatsch". Als Schüler wurde der "Fatsch" einmal beschuldigt, er hätte ein Vogelnest ausgehoben. Heftig wehrte er sich dagegen mit der Verteidigungsrede, "die Vöglein wären schon "ausgefatschert" gewesen. Da wurde er zum Ausfatscherer, später zum Fatscher und schließlich der Kürze wegen zum Fatsch gestempelt

Durch mangelhafte Aussprache in der Schule blieben auch die Namen "Diffdeschtel" (Griffelkästchen) und "Jajoppel".

 

Am schnellsten verschwinden Spitznamen wieder, wenn die Träger derselben mit Humor darüber hinweggehen und es nicht machen wie unser ehemaliger "General", von dem ich zum Abschlußdieses Kapitel eine heitere Episode erzählen möchte:

Er wurde fuchsteufelswild, der ehemalige Fähnrich des katholischen Arbeitervereins, ein kleines Männchens Namens Martin, wenn man ihn mit General bezeichnete. Das wußten auch die bösen Schulbuben und spielten gern vor dem Hause des Würdenträgers "General". Sie stellten sich in Reih und Glied in der Moltkestraße auf, und der kommandierende mußte rufen:

"Achtung der General kommt! Stillgestanden! Augen rechts!" Und schon sauste der Gefoppte herau und vertrieb die Kompanie. Dann gings in die Schule. Der Schulleiter sollte abhelfen. Aber was wollte er machen?. Sollte er die Buben bestrafen, weil sie ein Soldatenspiel trieben? Das ging nun einmal nicht, wenn er nicht in Konfikt mit den Eltern kommen wollte. Das wollte der Betroffene aber nicht einsehen und kehrte schwer verärgert der Schule den Rücken.


Brauchtum

"Ein tiefer Sinn liegt oft in alten Bräuchen". Wer wollte an der Wahrheit dieses bekannten Dichterwortes zweifeln ? Darum laßt uns in diesem Kapitel eine Wanderung durchs Jahr antreten und "mit Fleiß betrachten", was unsere Alten von Sitten und Gebräuchen unserer Vorfahren zu erzählen wissen, und was sich von diesem Brauchtum bis heute erhalten hat. Der Chronist hält sich dabei im großen und ganzen an die Forschungsergebnisse unseres Heimatforschers Lehrer Roos und verquickt sie mit seinen eigenen 60 jährigen Erfahrungen.

Möchte noch einmal erwähnen, dass das geschriebene von 1948 ist.....also immer etwas zurückdenken,

Neujahr
NeujahrWenn in der Neujahrsnacht um die Mitternächtlichen Stunde mit vollen Glockengeläute das neue Jahr eingeläutet wurde, zogen und ziehen heute noch Burschen durch die Dorfstraßen, dabei singend:
"Wir kommen daher so spät in der Nacht,
wo Maria das Kindlein geboren hat.
Sie hat es geboren und das ist wahr,
drum wünschen wir Euch allen
ein neues, gut`s Jahr!
Ein neues gut`s Jahr, eine fröhliche Zeit,
damit Euch der liebe Gott das Leben verleit."

Die Burschen schießen ihrem Schatz und ihren nächsten Verwandten das Neu Jahr an, ihnen ein frohes neues Jahr wünschend. Manche wenden noch den alten Spruch an:
Ich wünsch`Euch ein gutes neues Jahr,
e Brezel wie es Scheuertor,
en Kuchen wie e Ofenplatt,
dann wer`n mär all miteinander satt."
(Ein zeitgemäßer Wunsch bei der Niederschrift im Jahre 1947)

Während der Silvesternacht zündeten die Alten im Stall ein Licht an und versorgten das Vieh mit frischem Stroh. Um 12 Uhr wurden geweihte Kamillen oder Weiden verbrannt, um Krankheiten fern zu halten. Manche befestigten auch Mistelzweige im Stall.

Wollte man sicher sein, daß im kommenden Jahr das Geld niemals ausgehe, so brauchte man nur auf Neujahr Weißkraut zu essen.

Am Neujahrstag selbst suchen die Kinder ihre Paten auf, "Petter und Gödl", wünschen ihnen ein glückliches Neujahr und nehmen ihre Geschenke entgegen.Sie fiel früher sehr reichlich aus und wurden meist in großen Körben geholt. Dabei spielte der "Bubenschenkel" die Hauptrolle, ein knuspriger, braun gebackener Kuchen, dessen vier Ecken in Stollen ausgingen. Dazu gabs bunte Zuckerschachteln.

Dreikönigsfest

Am Dreikönigstag gruppierten sich gern Kinder zu Dreien und markierten die drei Könige aus dem Morgenland auf recht primitive Weise. Sie warfen ein Hemd über ihren Anzug und verhüllten ihr Gesicht mit einer blauen Larve aus blauem Tütenpapier. Der mittlere trug einen Stern aus Goldpapier. So zogen sie vor die Häuser, in denen sie gebefreudige Menschen wußten und sangen ihr Liedlein: Ich bin ein kleiner König usw. Als Gaben erhielten sie in der Hauptsache Hutzeln (gedörrte Birnen). Der Brauch sah das jetzige Jahrhundert nicht mehr. Er tauchte in den letzten Jahren in ähnlicher Form wieder auf, besonders wirkungsvoll 1949, wo drei stimmbegabte Meßdiener die Könige markierten und für die Reparatur des Daches der Apostelkirche sammelten.

Fastnacht
Es gibt wohl kaum eine Zeit im Leben der Landbevölkerung, die noch so ein starkes Brauchtum aufweist wie die Fastnacht.Von altersher war üblich, daß sich am Fastnachtdienstag die Jugend verkleidete. Die Buben zogen Mädchenröcke und die Mädchen Hosen an. Man machte sich rußig, blies sich Mehl ins Gesicht, oder hängte sich Lumpen davor. Besonders beliebt war der doppelte Fassebutz: Gesicht vorne und hinten. Am häufigsten traf man Lumpenmänner und Lumpenweiber. Auch Umzüge fanden schon in frühester Zeit statt. Unsere Ältesten erinnern sich an einen besonders starken Umzug im Jahre 1866. Eine große Rolle spielten ehemals mit Schilf bekleidete Eisbären und die Strohbären, die aufrecht oder auf allen Vieren gingen .

Eine besonders beliebte Darstellung war die Altweibermühle. In einer Art Windmühle kamen als alte Weiber verkleidete Fassebutzen hinein, unten kamen sie verjüngt heraus. Damit sollten jedenfalls die alten Jungfern verspottet werden. Sie waren ja von altersher gern der Spottsucht ausgesetzt obwohl die Kirche mit der Verherrlichung des Zölibats eigentlich den entgegengesetzten Erfolg erwarten konnte.

In einem Umzug fehlte nie die „Kleppergarde". Zwei „Holzinstrumente", aus gut getrocknetem Buchenholz geschnitzt, etwa 15 cm lang und einige cm breit, wurden zwischen die Finger geklemmt und einen Mordslärm damit gemacht.

Von jeher wurde auf der Fastnacht viel Schabernak getrieben. Ein Metzger füllte mal die Därme mit Sägemehl und ließ die Würste den Leuten zuwerfen. Wecke wurden für die Kinder aus kleinen Kanonen geschossen. Verkleidete bettelnde Kinder gingen umher und sangen vor den Häusern ihr Schelmenliedchen:
„Fastnacht! Die Panne kracht,
wenn die Mutter Kiechel backt,
schluppe mer in de Mehlsack;
de Mehlsack hod e Loch,
Kiechel backe mer doch."

Manches eigenartige Brauchtum knüpft sich daran. Auf Fastnacht aß man in jedem Haus Krewwel mit Dörrobst. Warum, wußte man nicht. Manche sagten, damit es faseln, das heißt Glück bringen sollte. Die Lebensmittel sollten nicht ausgehen, das Vieh sollte gesund bleiben. Darauf deutet auch der Brauch hin, daß ausgesprochen auf Fastnacht die Hühnerställe gründlich ausgeputzt wurden. Holzasche wurde hineingestreut und die Hühner bekamen Krewwel zu fressen. Eine Fichte wurde in den Stall gestellt, angeblich um böse Leute fern zu halten. An Fastnacht war auch vielleicht der Dienstbodenwechsel. Abends wurde noch getanzt, Tänze, auf die man seine eigenen Reime machte, z.B.
„Wenn Fastnacht ist, wenn Fastnacht ist,
do schlachte ma in Bock,
do danzt mei Vadda, danzt mei Mudda,
und schwenzelt mit em Rock."

Auch der Aberglaube kam zur Geltung. An Fastnacht durfte unter keinen Umständen die Backmulde in die Stube, sonst kam im selben Jahr die Totenlad` ins Haus.

Die vielen Fastnachtsbräuche der Alten sind zum großen Teil verschwunden, nicht aber das bunte „Fassebutzentreiben" zur Karnevalszeit. Das fing in de 1920er Jahren erst recht an zu florieren und wurde von Jahr zu Jahr toller. Fastnachtsumzüge von großem Ausmaß fanden statt, besonders schöne, gruppenreiche und humorvolle in den Jahren 1928 und 1929. Vom folgenden Jahr ab fielen die Züge wieder aus wegen der großen Arbeitslosigkeit und der damit verbundenen finanziellen Schwierigkeiten, bis sie einige Jahre vor dem zweiten Weltkrieg wieder aufblüten.

Osterzeit
Am Gründonnerstag trank man ein Gründonnerstagsei aus. Wer das befolgte, der war sicher, daß er sich während des Jahres nicht überheben konnte. Wer ein Gründonnerstagsei mit in die Kirche nahm, konnte dort die Hexen des Ortes sehen.(!)

Am Karfreitag durften alle knechtlichen Arbeiten verrichtet werden. Aber eines durfte nicht geschehen: Es durften keine Erdarbeiten vollzogen werden, also nicht im Garten gegraben und im Feld gepflügt. Das brachte bestimmt Unheil.
Am Ostermorgen gingen unsere Vorfahren gern hinter die Zäune, um die Sopnne aufziehen zu sehen und zu beobachten, "wie sie drei Sprünge macht".

Es ist dies ein Brauch, der heute noch im Odenwald getroffen wird. Ein Heimatforscher schreibt hierüber:

"Im Morgengrauen ziehen heute noch im Odenwald manche Dorfgemeinschaften hinaus auf die Anhöhe mit freiem Blick nach Osten. In stiller Erwartung harren sie auf das Aufsteigen des Sonnenballes. Wenn die große blutrote Scheibe am Horizont auftaucht und sich von Sekunde zu Sekunde voller rundet und gerade als volle Scheibe anhebt, ihren Tageslauf zu beginnen, im gleichen Augenblick scheint sie zu zittern und drei Freudensprünge zu machen und sich in rasche rechtsläufige Drehung zu versetzen. Es mag eine Sinnestäuchung sein, hervorgerufen durch die Morgenluft. Vor allen Dingen liegt hier eine uralte, genaue Naturbeobachtung zu Grunde."
Die Sitte auf Ostern die Kinder mit "Osterhaseneiern" zu beschenken, ist uralt. Ursprünglich benützte man:

zur Rotfärbung - Brasilspäne mit Leim
zur Grünfärbung - junge Saat die man klopfte
zur Blaufärbung - Waschblau
zur Braunfärbung - Kaffeesatz
zur Gelbfärbung - Zwiebelschalen

Der Glaube an den Osterhasen ist heute noch Sache der kleineren Kinder. Kaum sind sie schulpflichtig singen sie schon:
"Ich waas ich waas,
das Hinkel is de Haas,
die Mutter legt die Eier,
hinaus ins grüne Gras!"

Auch zu Ostern gehen die Kinder zum "Petter" und zur "Gödl". Früher erhielten die Kinder zehn bunte Eier, einen Zuckerhas und Zimtkuchen.
Das sogenannte Eierrollen gehört der Vergangenheit an. An einem sandigen Abhang wurde eine Rutschbahn hergestellt. Bei Hinabrollen von Ostereiern sollte eines das andere treffen. Der Treffer war Sieger und durfte das getroffene Ei an sich nehmen.

Auch das Eierkippen war hier Brauch. Kinder stießen ihre Eier mit den Spitzen gegeneinander. Wessen Ei Sprünge zeigte, der mußte es hergeben.

Sommertag
Schon unsere Urahnen feierten als Ausdruck der Freude, daß der Sommer über den Winter den Sieg davongetragen, den dritten Sonntag vor Ostern als sogenannten „Summadag". Und wenn er auch manchmal ein recht düster Gesicht zeigt und seinem Namen gar weinig Ehre macht, das ändert nichts an der zuversichtlichen Hoffnung auf Sonne und Sieg, die wir an diesem Tag hegen und uns nicht rauben lassen! Die Kinder hielten früher unter sich Umzüge, die während des ersten Weltkrieges eingingen. Sie liefen zu bekannten Familien und jubelten ihr Sommertagslied:

Schtri, schtra, stroh,
der Summerdag iss do!
Der Summer und der Winter
die sinn Geschwister Kinder!
Schtri, strah, stroh,
der Summerdag iss do!
Ri ra ro,
der Summerdag iss do!
O Du alter Stockfisch,
wann man kimmt, do hoschd nix,
als e Schipp voll Kohle,
Der Deiwel soll dich hole!
Ri, ra, ro, de Summadag iss do!
Ri, ra, ro, de Summadag iss do!
Sunndag, Stabaus!
Bloos dem Winda die Aage aus!
Ri, ra, ro, de Summadag iss do!

Im Unterdorf wurde ehemals gesungen:
"Schtri, stra, Schtro,
der Summerdag is do!
Brezelwei, rore Wei,
loß die Jungfrau flieje,
sie werd mer ebbes bringe.
Eijer ora Speck,
Speck ora Dreck,
ich geh net enda vun de Hausdeer,
bis isch ebbes heb.
Strieh, strah, stribbl,
die Kuh die hod in Zippel.
`n Zippel hod die Kuh,
aus Leder macht man Schuh.
Aus Schuh macht man Leder,
e Gans hot e Feder,
e Feder hot e Gans,
de Fuchs hod in Schwanz,
`n Schwanz hod de Fuchs,
die Hutzel sinn nix nutz,
nix nutz sinn die Hutzel,
mer wolle lauter Gutzel"

Die Fenster öffneten sich und die Leute warfen den Sängern Hutzeln, Gutsel, Brezel, Klicker und gleichen zu. Am Samstag zuvor machte sich jedes Kind ein Nest aus Moos in den Garten. Über Nacht legte der Summahaas ein mit Kaffeesatz oder Zwiebelschalen gefäbtes Ei, einen gebackenen Hasen oder eine Brezel ins Nest. Die Brezel wurden am Sommertag an der Spitze des mit bunten Bändern verzierten Stabes, dem Sommerstecken, befestigt und erst nach Beendigung des Zuges gegessen.

Schon in frühester Zeit fanden Umzüge mit Sommerstecken statt, die aber lediglich aus Ruten geflochten waren. Am Schluß dieser Umzüge fand ein Kampfspiel zwischen Winter und Sommer statt. Ein übergroßer Schnee oder Wintersmann wurde hergestellt, der nach dem Zuge verbrannt wurde, wobei ein großer Sommertagshas um den brennenden Winter seine Freudensprünge machte

Angeregt durch die großzügig angelegten Sommertagszüge in Weinheim und Heidelberg, die einen großen Fremdenzuspruch hatten, fanden auch die Viernheimer Sommertagszüge eine neuzeitliche Umwandlung. Des Verdienst, sie im Jahre 1924 neu aufgezogen zu haben, fällt unserem Turnverein zu. Von da ab fanden die allgemein beliebten Züge mit ihren verkörperten vier Jahreszeiten, ihren Schnee und Strohmännern, Osterhasen, Störchen usw. So ziemlich regelmäßig statt. Eine besondere bombige Sache wurde sie 1937, als die "Große Karnevallsgesellschaft" die Regie übernommen hatte. Etwa dreißig festlich geschmückte Wagen und bunte Fussgruppen mit singenden Kinderscharen durchzogen die Straßen, umjubelt von Tausenden fröhlicher Menschen von nah und fern. Am Rathaus fand zum Abschluß eine Kundgebung statt, wobei das Verbrennen des Winters der Höhepunkt war. Eine Reitschule und Schiffschaukel, Schieß-und Zuckerbuden auf dem Marktplatz erhöhten die freudige Stimmung.

Nach 12 jähriger Pause fand hier der Brauch 1949 seine Wiederaufstehung. Am 20 März fand ein Sommertagszug statt, der höchste Bewunderung erregte. In dreißig Reiter-und Wagengruppen mit 5 Musikkapellen wurden wieder die vier Jahreszeiten in imposanter Weise verkörpert. Träger der Veranstaltung war die Stadtverwaltung, Leiter Gg. Hoock, Vorsitzender der Kulturgemeinde.

Pfingsten
Besondere Pfingstbräuche konnte der Chronist nicht feststellen. Während in manchen Gegenden noch der festlich geschmückte Pfingstochse seine Rolle spielt und mancherorts noch der bäuerliche Pfingstritt stattfindet, auch verschiedene andere Bräuche zu treffen sind, kennt Viernheim nur den Pfingstesel. So wurde der Letztaufsteher in der Familie genannt.

Mariä Himmelfahrt
Eine uralte schöne Sitte, die sich auch in Viernheim erhalten hat, ist die Kräuterweihe. Der hierzu bestimmte Kräuterstrauß heißt bei uns Würzwisch.
Schon die alten Germanen erkannten, daß eine große Anzahl Kräuter Heilkräfte besitzen. So war z.B. die Eberwurz, auch Donnerkraut genannt, dem Donnergott geweiht, und wurde auf Dächern und Mauern gepflanzt. Dem Lichtgott Baldur war der Baldrian heilig, der Göttin Ostara der Steinklee geweiht, der Freya der Rainfarn. Johanniskraut und Hartheu galten als Schutzmittel gegen Hexen.

Die geweihten Kräutern fanden und finden beim Volk den mannigfachsten Gebrauch. Sie werden im Hause zum Schutz gegen Feuer und Blitz aufbewahrt. Man stellt sie auch auf Saatfelder, legt sie hinter die Grippen der Viehställe, verbrannte sie auch bei Gewitter im Herdfeuer als Schutzmittel gegen Gefahr.

In einem alten Kirchengebet war als Zweck der Segnung übernatürliche Hilfe angegeben für Menschen und Vieh gegen Krankheiten, Seuchen, Geschwüre und gegen den Biß giftiger Tiere, sowie gegen teuflichen Trug.
In Viernheim wurden für die Kräuterweihe nicht weniger als zwei Dutzend Pflanzen gesammelt, die als heilkräftig galten.

Erntefest
Schwer herein schwankt der Wagen,
kornbeladen;
bunt von Farben
auf den Garben liegt der Kranz,
und das junge Volk der Schnitter
fliegt zum Tanz.
Hier streift unser göttlicher Schiller altes Brauchtum, wie es beim Einbringen der lezten Garben gepflegt wurde. Auch unsere Viernheimer Landwirte huldigten diesen Brauch. Der letzte Erntewagen wurde mit einem Erntekranz geschmückt, der gewöhnlich aus Hafer, Kornblumen und Klatschrosen gebunden war. Auch den Pferden steckte man Sträuße an und später den Erntekranz ans Scheunentor oder hängte ihn in den Hausgang.

Eine kleine Feier schloß die Erntezeit ab. Man nannte sie den Erntebraten. Der betuchte Bauer schlachtete ein Schwein, oft auch ein Kalb. Herrschaft und Gesinde waren bei einem festlichen Mahle vereint.Einige Musikanten spielten zum Tanz auf. Der Herr mußte zuerst mit der Großmagd tanzen und dann mit den anderen Mägden. An diesem Brauchtum hielt besonders der 1896 verstorbene Gutsbesitzer Peter Ehatt fest, während die kleineren Bauern ihren Erntetanz meist auf Ludwigstag in den Wirtschaften hielten, wobei der Erntetanz nie fehlte.

Mit der Zeit schlief dieser Brauch ein und man kannte nur mehr das kirchliche Erntedankfest. Das Verdienst, den schönen Brauch der Alten wieder zu Ehren gebracht zu haben, kommt dem 1926 gegründeten Jungbauernverein zu. Seine Mitglieder hielten alljährlich in einem großen Saale ihr eigenes Erntefest. Man hing einen buntgeschmückten Erntekranz auf, wobei eine sinnige Ansprache gehalten wurde und schloß den ersten Teil mit dem Absingen des Liedes: „Großer Gott, wir loben Dich!" Dann wurde das Tanzbein geschwungen.
Von nun ab gestaltete sich der schöne Brauch von Jahr zu Jahr feierlichen. Alle Stände wollten schließlich ihre Verbundenheit mit dem Bauernstand an den Tag legen und niemand zurückbleiben. Die Geschäfte fingen an ihre Schaufenster mit Blumen, Feld und Gartenfrüchten zu schmücken. Einzelne machten ihre ganzen Schaufenster frei und statteten sie aus mit Produkten des Fleißes und Schweißes der Bauern.

Auch Festzüge wurden gehalten und bewegten sich durch die reich geschmückten Straßen. Man sah in den selben schmucken Gruppen von Erntearbeitern und-Arbeiterinnen, Spargelmädchen mit Riesenspargel, Gruppen von Kartoffelausmachern, originelle Tabak-und Herbstwagen, eine Gärtnergruppe mit einem entzückenden Blumenwagen, sah auch einmal einen altertümlichen Pflug von anno
dazumal (1806), der viel beäugelt und belacht wurde usw. Abends fand man sich in verschiedenen Sälen zum Erntetanz. Durch den Weltkrieg den unheimlichen Unheilstifter, schlief der sinnige Brauch wieder ein.

Die Erntedankfeste waren nicht allein der Ausdruck des Dankes dem Allerhöchsten gegenüber, sondern gestalteten sich zu richtigen Ehrentagen für unsere fleißigen, strebsamen Landwirte.
Bemerkt sei hier auch noch, daß auch die Kirche in den letzten Jahren das Erntedankfest mit entsprechender Ausstattung beging. Auch hier fehlte der Erntekranz nicht.

Zum Schluß noch ein Erntelied des 1896 verstorbenen Gutsbesitzers Peter Ehatt:
„Und früh mit den ersten Strahlen der Sonne
wird mit dem ernten der Früchte begonnen.
Rüstig der Schnitter die Sichel schwingt,
denn reichlichen Lohn ihm die Arbeit bringt.
Man bindet die Garben mit fröhlichem Mut,
nicht scheut man die Arbeit in der Sonne Glut.
Und spät, bis sich senken die Schleier der Nacht
werden die Früchte in die Scheune gebracht.
Dann unter den Klängen der Abendglocken
die Schnitter in Scharen nach Hause wallen,
wo Frohsinn die Töne der Brust entlocken,
laut hört man lustige Lieder erschallen.
Man freut sich des Lebens in wonniger Lust,
gebannt sind die Sorgen, frei atmet die Brust.
Denn es ist ja die schönste, die Erntezeit,
die jeden mit reichen Gaben erfreut."
Peter Ehatt

Kirchweih
Am umfangreichsten, aber örtlich ganz verschieden, ist der Brauchtum bei der „Kerwe". Wie in anderen Orten, so lag auch hier das Kerwebrauchtum in den Händen der sogenannten Ziehungsburschen. Von ihnen wurde die Kerwe zunächst abgeholt. Zwei Burschen gingen dem Umzug voraus und gruben an der „Tränk" eine Flasche, einen grünen Kranz und einen Kuchen ein. Hinter ihnen kamen zu Fuß oder auf einem mit Tannengrün geschmückten Wagen die anderen „Ziehungsburschen", mitten unter ihnen der Ziehungspfarrer". Sie gruben die Kerwe aus und brachten sie mit Musik zum Tanzlokal. Nach einem recht eigenartigen Zwiegespräch zwischen Ziehungsburschen und Kerwepfarrer wurde der Kranz und die Flasche vor dem Lokal aufgehängt. Der Kerwebursch hielt eine Ansprache und warf zum Schluß ein Glas in die Luft, dabei sprechend:
„ Wenn das Glas nit zerbricht,
dann gibt`s keine reine Jungfrau nicht
und ich tanz über die ganze Kerwe nicht:"

In ganz früherer Zeit wurde ein Stück Kleinvieh geschlachtet und unter den Ziehungsburschen verteilt. Diesem Tier durfte kein Bein gebrochen werden.
Als Tänze gas Schottisch, Galopp, Rheinländer und Walzer. Besonders beliebt bei den Alten, die sich rege am Kerwetanz beteiligten, waren die Sondertänze: "Siehste nit, do kimmt er!" und Hochzeit machen is so wunderschön!!".
War die Kerwe vorüber, die drei Tage lang dauerte, dann wurde sie begraben, Kerweburschen zogen mit Spaten, Besen und Laternen zum Heimatort hinaus an den Heddesheimer Weg, den Kühsand oder auch an den Marktplatz und begruben sie. Es wurde ein Loch gemacht, und eine Strohpuppe, oft auch nur Scherben, unter lautem Gejohle eingegraben.

Die Vorboten des Winters
Feuermänner
Waren die letzten Herbstfrüchte eingeheimst und machten sich die ersten Vorboten des Winters bemerkbar, dann begann für die größeren Kinder, auch oft für Erwachsene, ein gar eigenartiger Zeitvertreib. Dickrüben und Kürbisse wurden ausgehöhlt, Nase, Mund und Augenhöhlen wurden hineingeschnitten und ein brennender Kienspan oder eine Kerze hineingestellt. Diese „Feuermänner" mit ihrem gespensterhafte Aussehen wurden auf Gartenposten gestellt oder auf Stangen gesteckt und in den Straßen herumgetragen. Meist aber blieben es Einzelversuche, die Leute mit dem feurigen Mann zu erschrecken. Dann wurde der Kopf hoch an ein Fenster gehalten, daß nur die magische Rübe hineinschaute, oder er wurde an ein Kellerfenster gestellt, von wo aus er geheimnisvoll heraus blickte.

Die feurigen Männer, Rübenboze genannt, waren in frühesten Zeiten übergroße Geistergestalten. Er erwachsener Bursche zog sich ein Bettuch über den Kopf und setzte den leuchtenden Rübenkopf darauf.Dabei stieß er ein tiefes Brummen aus, wodurch jedenfalls symbolhaft die Schrecknisse des hereinbrechenden Winters verkündet werden sollten.
Daß diese Feuermänner schon in ältester Zeit bekannt waren, beweist eine Stelle in dem Schillerschen Gedicht „Männerwürde", wo es heißt:
„Und schlendern elend durch die Welt
die Kürbisse von Buben
zu Menschenköpfen ausgehöhlt,
die Schädel leere Stuben."
Die Deutung dieses alten Brauchtums seitens der Volkskundenforschung ist verschieden. Vielleicht wollte man damit, wie schon angedeutet, die Schrecknisse des kommenden Winters andeuten, vielleicht haben diejenige recht, die es als Reste von Dämonenabwehr ansehen, womit man also böse Einflüsse vertreiben wollte. Wo sich dieses Brauchtum teilweise bis heute erhalten hat, ist es jedenfalls nur als Ausfluß der Spott-und Necksucht des Volkes anzusehen.

Der Nikolaustag
Der Nikolaus kam früher am Abend des 5. Dezember, also am Vorabend des eigentlichen Nikolaustages. Heute kommen am 5. Dezember gewöhnlich die kleinen, am 6. die großen „Bensenickel". Der heilige Nikolaus , im vierten Jahrhundert Bischof von Mirah, wurde zur populärsten Heiligengestalt der christlichen Kirchen und Patron von tausenden von Kirchen. Von der Volkstümlichkeit des Nikolaus-Kultus zeugen nicht nur zahlreiche Gemälde mit Darstellungen aus der Legende, sondern auch die vielen Standbilder an Wegen, Plätze und Brücken. Die mit diesem Volksheiligen verbundenen Ortsbräuche gehören heute noch zu be bekanntesten und verbreitesten unserer Zeit.

Daß aber im Nikloausbrauch unserer Zeit noch eine vorchristliche, heidnische Überlieferung mitverbunden ist , wird als sicher angenommen.Man hat sich wohl schon viele Gedanken darüber gemacht, woher wohl der Name „Bensennickel" stammt.Manche führen ihn auf das alt-deutsche Bense-Nickes zurück, soviel wie in Linsen gekleidete Wassernickel. Früher trug der Bensenickelals verkörperter Winter ein Strohkleid. Unsere Alten ist er allerdings nur bekannt mit Mantel, Zipfelmütze oder Schlapphut, langem Bart, Sack, Rute und Kette, Der Bensenickel mit einem großen Sack, in der er die Kinder steckt und mit der Kette, mit der er rasselt, wird zum Unhold. Aber er trägt auch ein gutes Herz in sich, beschenkt die Kinder mit Äpfel und Nüssen. Der vorchristliche Bensenickel gewinnt also mehr die Gestalt, die den herannahenden Winter und mit ihm die unheimlichen Geister der Finsternis verkündet. In Viernheim war bis Ende des vorigen Jahrhundert noch der sogenannte Bohlig-Bock bekannt, ein bis jetzt noch ungeklärter Name. Ein Bursche hatte ein Leinentuch umgeworfen, trug Hörner am Kopf, hatte eine Axt, die er immer mit dem Eisenteil aufschlug. Dieser Bohligbock kommt heute noch in manchen Dörfern des Odenwaldes gleichzeitig mit dem Bensenickel. Er war zweifelsohne ursprünglich ebenfalls eine winterliche Schreckgestalt.

Der Barbaratag

Unsere Alten wissen noch ganz gut, daß man am 4. Dezember auf Barbaratag gern Zweige von Steinobstbäume schnitt, besonders Kirschzweige und sie ins Wasser stellte. Auf Weihnachten kamen diese „Barbarabäumchen" zum blühen. Blüten sie nicht war das ein böses Omen, das meist dahin gedeutet wurde, daß ein Familienmitglied oder ein Anverwandtes im kommenden Jahr sterben müsse.

Weihnachten
„Christkindchen, kumm in unser Haus,
leer die volle Tasche aus,
stell dei Eselsche uff de Mischt,
daß es Heu und Hafer frißt.
Heu un Hawer frißt es net,
Zuckerblätzche kriegt es ned!"
So singen heute noch die Kinder vor dem heiligen Abend, bis endlich die Stunde der Erfüllung schlägt und das Christkind erscheint. Es sind meist junge Mädchen, die es machen, wohl auch junge Frauen. Das Christkind trägt als Kleidung ein weißes Gewand, vor dem Gesicht einen Schleier, in der Hand eine Rute.

In seiner Begleitung war früher der heilige Joseph mit Rute und Schelle, der wie der Nikolaus gekleidet war. Es folgte ein Zwiegespräch:
Christkind:
„Guten Abend ihr lieben Kinderlein!
Der liebe Gott schickt mich herein,
euch zu lehren und euch zu mahnen
und euch den Weg zum Himmel bahnen.
Heiliger Joseph tritt herein!"
Joseph:
„Ich bin hereingetreten.
Hätt` ich ein Pferd gehabt,
so wär ich herein geritten.
Wenn die Kinder aus der Schule geh`n
so bleiben sie auf der Straße steh`n,
die Blätter aus den Büchern reißen,
die Steine in die Fenster schmeißen,
was ist das für eine Art?"
Christkind:
„Heiliger Joseph, sei doch nicht so hart,
die Kinder sind nicht alle deiner Art.
Könnt ihr auch beten?"
Nun mußten die Kinder beten, mußten auch mitunter der Reihe nach die Rute küssen, die das Christkind mitgebracht hatte. Wer des Jahres über nicht brav und artig gewesen, bekam die Rute zu kosten. Dann wurden die Gaben verteilt. Die Kinder bekamen meist einen Strohnapf hingestellt, die Buben gebackene Hasen,, die Mädchen gebackene Puppen, außerdem Äpfel, Nüsse, Lebkuchen, auch Griffel. Oft war auch ein Wasservogel dabei. Es war ein hohler Vogel aus Ton, gefüllt mit Wasser; oben war ein Loch. Blies man vorn hinein, dann trillerte es. Der Wasservogel war ein Fabrikat des Viernheimer Häfners.

Brachte das Christkind viel Geschenke, dann sprach man vom Mannemer Christkind, gab es wenig, dann war es das Odenwälder Christkind. Der Weihnachtsbaum war in früheren Jahren kein Tannenbäumchen, sondern ein Kieferngipfel. Er kannte noch nicht den märchenhaften Schmuck der Jetztzeit. Die Glaskugeln wurden ja erst in den 1890er Jahren erfunden. Man schmückte das Bäumchen mit Tintenbeeren, die man mit Mehl weiß machte, ferner mit Äpfelchen, versilberten oder vergoldeten Nüssen, auch mit gebackenen Hutzeln. Die Kerzen wurden mit Stecknadeln befestigt. Auch eine Weihnachtsgrippe war da, aus Rinde gefertigt, die Schäfchen aus Lehm mit Wolle umwickelt, die Beinchen aus Streichhölzern.

Es war auch üblich, daß besser situierte Leute auf Weihnachten das sogenannte „weiße Almosen" spendeten. Eingewickelt in ein weißes Tuch, ließen sie den Armen besonders den verschämt Armen, Fleisch, Mehl, Salz und allerlei sonstige Dinge zukommen, oft auch Hemden.
Hier sei noch erwähnt, daß die Weihnachtsbescherung während des ersten Weltkrieges und nach demselben von allen hießigen Vereinen aufgegriffen wurde. Es gab kaum einen Verein, der nicht in einem Saale unter einem großen brennenden Weihnachtsbaum eine Gabenverteilung an die Kinder der Mitglieder vorgenommen hätte.

Während der Zeit von Weihnachten bis zum Dreikönigstag, genannt die zwölf heiligen Nächte, sollte keine unnötige knechtliche Arbeit verrichtet werden. Wer dagegen sündigte, dessen Haus traf ein Unheil. Nun noch ein Wort über das Alter des Christbaumes. Der Weihnachtsbaum, heute das Kennzeichen deutscher Weihnacht, ist verhältnismäßig noch recht jung. Auf dem Lande ist er erst im 19. Jahrhundert allgemein worden. Die Sitte, ein „Dannebeemsche zu mache" wird uns zum ersten mal um 1600 aus Elsaß berichtet. Viernheim dürfte ungefähr seit 100 Jahren „e Christbeemchen"


Bernhard Kimmel der "Al Capone aus der Pfalz" 

Er wohnte eine Zeit in der Holzstraße